21. März 2008

"Etwas anders"

«Aber du wolltest noch ein bisschen beten, du gerietest plötzlich in Aufregung: „Bleibt bitte wach, bleibt hier“, du gingst ein bisschen ins Gebüsch hinein, und dann hörten wir dich schreien. Vater! Vater. Vater, nicht mich! Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Wir hören dich schreien und heulen, uns wurde himmelangst, so hatten wir dich noch nie mit deinem namenlosen Vater reden hören. Wenn ich daran denke, wie du sonst mit deinem Vater sprachst! Immer sehr lehrreich und sehr gesetzt und alle Bitten um das Nötigste sehr ordentlich hintereinander gelistet: „Vater, ich danke dir“ und so weiter. Und jetzt dein Verdruss und dein Schreien! Wir sprachen nicht miteinander, wir horchten nur auf dieses Stöhnen und Toben und Verkrümmern, wir waren einfach entsetzt. Nach einer Weile kamst, du, um nach zu sehen, und wir taten vor lauter Schreck so, als ob wir schliefen, denn was sollten wir sonst tun, keiner wollte mit dir sprechen, womöglich mit hineingezogen werden in deine nackte, verzweifelnde Schlotterniss …»
Stefan von Kempis

4 Kommentare:

Lisa hat gesagt…

Zweifelsohne keine gewöhnliche Darstellung des Betens Jesu in Gethsemane, aber wenn man sich einmal drauf einlässt, kommt einem die Frage:

Ist die Reaktion der Jünger nicht sehr menschlich, nachvollziehbar?!

Hätten wir anders gehandelt?

Sich schlafen stellen…
den Blick abwenden…
die Augen verschließen…

Silke hat gesagt…

Hm, ich muss Stefan von Kempis etwas in Frage stellen. Woran macht er fest, wie Jesus mit dem Vater sprach?

"Immer sehr lehrreich und sehr gesetzt und alle Bitten um das Nötigste sehr ordentlich hintereinander gelistet .."?
Bereits der Gebetsschatz der Psalmen ist voller Emotion und Leidenschaften. Und Jesus? Öffnete er uns nicht eine noch viel tiefere Beziehungsebenen, indem er von und mit seinem "Abba" sprach: "Papa","Papi"?

"Immer sehr lehrreich und sehr gesetzt und alle Bitten um das Nötigste sehr ordentlich hintereinander gelistet .."?
Seltsam, dass klingt in meinen Ohren eher nach einer Beschreibung der kirchlichen, liturgischen Gebetssprache und weniger nach einem persönlichen Beten, einem echten Gespräch zwischen einem ICH und DU!

Gethsemane wird für mich immer ein Mysterium bleiben. Da sehe ich den Menschen in existenzieller Grenzsituation. Mag sein, auf beiden Seiten. Ob Wasser und Blut schwitzend oder vielleicht auch gerade darum in Schlaf fallend. Eine moralische Bewertung der Jünger will ich nicht wagen. Ich weiß nur um Menschen, die z. B. in der Notfallseelsorge oder auf Palliativstationen immer auch ein Stück von sich selbst riskieren.
Gott sei Dank!

Na ja, heute Nacht kommen wir damit eh nicht mehr zum Ende ...

Und das ist gut so!

Silke hat gesagt…

Komm doch noch nich zum heutigen Schluß. Musste mich fragen, was Stefan v. Kempis bei seinen Gedanken im Ohr hatte. Es kann sich dabei eigentlich nur um Passagen aus den Abschiedsreden handeln, genauer noch um das hohepriesterliche Gebet aus dem Johannesevangelium.

Übrigens Evangelienstellen, die mir meine eigene Wortarmut und sprachliche Ausdrucksschwäche verdeutlichen.

Lisa hat gesagt…

Der literarische Text von Stefan von Kempis, der im Gesamten den Titel „Thomaspassion“ trägt, ist mir vor ein paar Monaten in die Hände gefallen, noch vor der Fastenzeit.
Der Text von Kempis der in einem sehr saloppen Sprachstil geschrieben ist hat mich damals ins Grübeln gebracht.
Ich fragte mich, wie weit es zulässig ist eine so tief greifende Stelle des Evangeliums, so formlos darzustellen.
(Nein, man muss von Jesus Christus ganz sicher nicht nur in theologisch hochgestochener Sprache reden, aber das war mein Empfinden beim Lesen…)
Vielleicht, weil ich viele für mich bedeutende Passagen und Worte in der Darstellung vermisste.
Aber der Gedanke, dass die Jünger sich aus Furcht schlafen stellen, war mir bis dahin nie in den Sinn gekommen. Diese Vorstellung veranlasste mich dazu, die Passion Jesu im Johannesevangelium damals unter einem anderen Gesichtspunkt zu lesen.

Und dann saß ich gestern in der Abendmahlfeier zum Gründonnerstag und in der anschließenden Ölbergstunde und habe genau das vermisst, was du als Mysterium
Gethsemane beschreibst.
Eine kurze, emotionslose, lieblos gestaltet Ölbergstunde, nicht ein Hauch vom hinaus denken über das scheinbar vor Augen liegende war zu spüren.
In diesem Zusammenhang kam mir der schon längst wieder verworfene Text von Stefan Kempis mit dem Gedanken, was wäre wenn die Jünger aus Furcht und lauter Unsicherheit, wie sie mit Jesus umgehen sollen sich schlafen gestellt haben, in den Sinn.

Und was wäre gewesen, wenn in dieser Ölbergstunde ein solcher Gedanke formuliert worden wäre?