15. Juni 2009

"Werden wir es verpassen?"


Die Gnade des Nullpunkts greift - und wir sind ja froh darüber - meist nur in „kleiner Dosierung" nach uns. Aber die Charismatiker des "Draußenbleibens", die sich ihr ungeschützt aussetzen - etwa Franz von Assisi und seine Jünger -, führen uns vor Augen, was diese Gnade bewirken könnte: wie der „Herausgeworfene", Heraus-Gescheiterte Ort der Wahrheit sein könnte; sie führen uns vor Augen das Greifbarwerden der Verheißung, die in der Selbstauslieferung an Gottes zurechtbringende, heilende Wahrheit liegt. Die Gnade des Nullpunkts, des Heraus-Scheiterns aus den falschen Rücksichten, Kumpaneien und Interessenverflechtungen, das Aufmerksamwerdenkönnen auf das, was ist, was geschehen ist, ohne daß uns gleich der Drang überfällt, aus der Situation „das Beste" - für wen? - zu machen. Wann haben wir erfahren, daß diese Gnade nach uns greift, wenn wir uns von ihr ergreifen lassen?

Das dürfen wir uns mit allem Ernst fragen: Bietet Gott der Kirche die Gnade des Nullpunkts an? Stellt er sie auf die Probe, ob sie scheitern „kann"? Es wird viel davon abhängen, ob sie es kann oder ob sie unfähig ist zu scheitern, fähig nur zum blinden Weitermachen. Gewiß, es ist sträflich ungenau, hier einfach von der „Kirche" zu sprechen; ungenau deshalb, weil die Gnade - weil Gottes Geist - in der Kirche ganz unterschiedlich zur Geltung und Wirkung kommt - aber bestimmt nicht abgestuft von „oben nach unten". So kann es geschehen, daß das Scheitern bei uns in der europäischen Kirche völlig anders aussieht als anderswo; daß „wir" das Scheitern noch vor uns haben, während Gemeinden und Gemeinschaften in anderen Weltgegenden schon in der Gnade des Nullpunkts aufblühten - den Geist, der im Sterben neues Leben schafft, schon erfahren durften. Dann stellt sich die Frage so: Werden wir - hier bei uns - die Gnade des Nullpunkts verpassen, uns im bloßen Weitermachen verschanzen und weiterhin ignorieren, was anderwärts und - vielleicht weithin unerkannt -unter uns als Frucht des auferweckenden Geistes wachsen und aufblühen durfte.

(Aus: Gotthard Fuchs / Jürgen Werbick, Scheitern und Glauben. Vom christlichen Umgang mit Niederlagen. Herder, Freiburg 1991.)

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