10. Februar 2008



Der Blinde an der Mauer

Ohne Hoffnung, ohne Trauer
hält er seinen Kopf gesenkt.
Müde hockt er an der Mauer.
Müde sitzt er da und denkt:

Wunder werden nicht geschehen.
Alles bleibt, so wie es war.
Wer nichts sieht, wird nicht gesehen.
Wer nichts sieht, ist unsichtbar.

Schritte kommen, Schritte gehen.
Was das wohl für Menschen sind?
Warum bleibt denn niemand stehn?
Ich bin blind, und ihr seid blind.

Euer Herz schickt keine Grüße
aus der Seele ins Gesicht.
Hörte ich nicht eure Füße,
dächte ich, es gibt euch nicht.

Tretet näher! Lasst euch nieder,
bis ihr ahnt, was Blindheit ist.
Senkt den Kopf und senkt die Lider,
bis ihr, was euch fremd war, wisst.

Und nun geht! Ihr habt ja Eile!
Tut, als wäre nichts geschehen.
Aber merkt euch diese Zeile:
"Wer nichts sieht, wird nicht gesehen!"

(Erich Kästner)

1 Kommentar:

Michi hat gesagt…

Manchmal frage ich mich, warum wir oftmals mit Blindheit geschlagen sind... Warum wir nicht sehen, wie die Welt ist, und versuchen, etwas zu tun, etwas zu verändern...